Du kennst die Übungen. Du siehst auch, was nicht stimmt. Aber der Satz, der es ändern würde, kommt dir nicht über die Lippen — und wenn doch, dann in vier Nebensätzen, und danach schaut dich deine Gruppe an, als hättest du auf Latein unterrichtet.
Das ist kein Talentproblem. Cueing ist ein Handwerk, und Handwerk kann man lernen.
Kurz gesagt: Cueing lernen heißt nicht, mehr Sätze zu kennen, sondern weniger und bessere. Es gibt drei Cue-Arten (verbal, visuell, taktil), und die wirksamsten verbalen Cues lenken die Aufmerksamkeit nach außen statt auf einzelne Muskeln. Der Weg dahin ist Sammeln, Umformulieren, Testen — nicht Auswendiglernen.
Die drei Arten von Cues
Bevor du an einzelnen Sätzen feilst, lohnt sich der Überblick. Du hast drei Kanäle, und die meisten von uns nutzen nur einen davon richtig.
Verbal. Was du sagst. Der Kanal, über den in der Ausbildung am meisten geredet wird — und der in der Praxis am schnellsten überladen wird.
Visuell. Was du zeigst. Eine halbe Demonstration ist oft schneller als drei Sätze, besonders bei allem Räumlichen: Positionen, Griffe, Richtungen. Wichtig: zeigen, dann wieder weggehen und schauen. Wer die ganze Stunde mitmacht, korrigiert niemanden.
Taktil. Was du berührst. Der schnellste Kanal überhaupt — eine Hand am Schulterblatt erklärt in einer Sekunde, was verbal zehn dauert. Und der Kanal mit den meisten Regeln: immer nur mit vorher eingeholtem Einverständnis, immer angekündigt, immer kurz.
Gute Trainer:innen wechseln zwischen den dreien. Wenn ein Cue zweimal nicht ankommt, ist meistens nicht der Satz schuld, sondern der Kanal.
Innerer oder äußerer Fokus — die wichtigste Unterscheidung
Wenn du aus diesem Artikel eine Sache mitnimmst, dann diese.
Interne Cues richten die Aufmerksamkeit in den Körper hinein: „spann deinen Bauch an", „aktivier den Beckenboden", „zieh die Schulterblätter zusammen".
Externe Cues richten sie auf ein Ziel außerhalb: „schieb den Wagen weg, ohne dass er ruckelt", „mach dich lang, bis dein Kopf die Wand berührt", „lass die Federn leise zurückkommen".
Die Bewegungsforschung beschäftigt sich damit seit den 1990er-Jahren, und das Ergebnis ist erstaunlich stabil: Ein äußerer Aufmerksamkeitsfokus führt in den meisten Situationen zu flüssigeren, ökonomischeren und besser automatisierten Bewegungen. Die Erklärung dahinter: Wer einzelne Muskeln bewusst steuert, unterbricht die automatischen Abläufe, die den Job eigentlich besser können.
„Sag nicht, welcher Muskel arbeiten soll. Sag, was passieren soll — der Körper findet den Weg selbst."
Heißt das, interne Cues sind falsch? Nein. Für Wahrnehmungsarbeit, für Atmung, für Menschen nach Verletzungen, die eine Region erst wieder spüren lernen müssen, sind sie genau richtig. Aber sie sollten die Ausnahme sein, nicht die Grundeinstellung. Wie du gerade Atem-Cues trotzdem so formulierst, dass sie ankommen, steht im Artikel über das Anleiten der Atmung — und der Überblick über alle Cueing-Themen im Cueing-Guide.
Übersetzungsübung für den Alltag:
- Statt „Bauch rein" → „Mach den Abstand zwischen Rippen und Becken kürzer."
- Statt „Schultern runter" → „Mach den Nacken lang, als wäre er zu eng für dich."
- Statt „Core aktivieren" → „Halte den Wagen so ruhig, dass man nichts hört."
- Statt „Beckenboden hochziehen" → „Lass den Beckenboden mit deinem Ausatmen mitgehen."
Wie ein brauchbarer Cue gebaut ist
Vier Merkmale, an denen du jeden deiner Sätze prüfen kannst:
- Ein Auftrag. Nicht zwei. „Schieb weg und atme aus und halt das Becken ruhig" ist kein Cue, das ist eine To-do-Liste.
- Verb zuerst. „Schieb", „lass", „mach", „zieh". Vermeide Sätze, die mit „Versuche mal, ob du vielleicht" anfangen — bis das Verb kommt, ist die Wiederholung vorbei.
- Kurz genug für eine Ausatmung. Wenn du den Cue nicht in einem Atemzug sagen kannst, ist er zu lang.
- Überprüfbar. Du solltest sehen können, ob er angekommen ist. „Sei präsent im Körper" kannst du nicht überprüfen. „Lass die Fersen schwer werden" schon.
Und dann das Wichtigste, was in keiner Ausbildung steht: Nach dem Cue kommt Stille. Fünf Sekunden, in denen niemand redet und alle die Anweisung umsetzen können. Wer sofort nachschiebt, verhindert genau die Veränderung, die er ausgelöst hat. Warum Cues sonst ins Leere laufen, steht ausführlich in warum deine Pilates-Cues nicht ankommen.
Timing: vorher, währenddessen, danach
Derselbe Satz wirkt völlig unterschiedlich, je nachdem, wann er kommt.
Vor der Übung gehört alles Organisatorische hin: Position, Griff, Federn, Richtung. Hier darfst du auch mal zwei Sätze sagen, weil sich noch niemand bewegt.
Während der Übung gehört genau ein Qualitäts-Cue hin. Der eine Punkt, der heute den Unterschied macht. Alles andere lässt du weg — auch wenn du drei weitere Dinge siehst.
Nach der Übung gehört die Rückmeldung hin: was sich verändert hat, was in der nächsten Runde dazukommt. Das ist auch der Moment, in dem Menschen wirklich zuhören, weil sie nicht gleichzeitig arbeiten.
Taktile Cues: kurz, angekündigt, freiwillig
Berührung ist der direkteste Weg — und der, bei dem am meisten schiefgehen kann. Drei feste Regeln:
- Einverständnis vorher einholen, nicht mitten in der Bewegung. Am besten einmal zu Beginn der Stunde für alle: „Ich korrigiere manchmal mit den Händen. Wenn dir das nicht recht ist, sag mir kurz Bescheid — das ist völlig in Ordnung."
- Ankündigen und benennen: „Ich leg dir kurz die Hand auf den unteren Rücken." Niemand mag Überraschungsberührungen.
- Kurz und aktiv: Die Hand gibt einen Bezugspunkt, gegen den gearbeitet wird — sie schiebt niemanden in eine Position. Dann geht sie wieder weg.
Dein Cue-Buch: der 4-Wochen-Plan
Cueing lernst du nicht aus Listen. Du lernst es, indem du dir eine eigene Sammlung aufbaust. So geht es konkret:
Woche 1 — sammeln. Notiere jeden Tag zwei Cues, die dir begegnen: aus deinen eigenen Stunden, aus Fortbildungen, aus Klassen, die du selbst besuchst. Roh, unbearbeitet, einfach ins Handy.
Woche 2 — übersetzen. Nimm deine Sammlung und formuliere jeden Cue in deine eigene Sprache um. Du willst keine geliehenen Sätze aufsagen — du willst sie so sagen, wie du redest. Und wandle dabei jeden internen Cue testweise in einen externen um.
Woche 3 — testen. Such dir pro Stunde genau drei Cues aus deiner Liste und benutze nur die. Wenig, aber bewusst. Nach der Stunde markierst du: hat gewirkt, hat nicht gewirkt, war zu lang.
Woche 4 — hören. Nimm eine deiner Stunden mit dem Handy auf und hör sie dir an. Das ist unangenehm und die wirksamste Übung überhaupt. Achte auf drei Dinge: Wie oft sagst du Füllwörter? Wie lang sind deine Sätze wirklich? Und wie viel Stille lässt du eigentlich zu?
Danach fängst du wieder bei Woche 1 an. Nach drei Runden hast du keine Cue-Liste mehr — du hast eine Unterrichtssprache.
Was du getrost weglassen kannst
Cueing wird nicht besser, indem du mehr sagst. Diese vier Gewohnheiten kannst du streichen:
- Das Dauerlob. „Super, schön, genau, toll" im Sekundentakt verliert jede Bedeutung. Lob, das sich auf etwas Konkretes bezieht, wirkt zehnmal so stark.
- Das Mitzählen jeder Wiederholung. Zählen füllt Stille, sagt aber nichts. Nutz die Zeit lieber für einen Qualitätshinweis.
- Anatomie-Vorträge. Der Name des Muskels hilft niemandem beim Bewegen. Er beeindruckt höchstens — und selten die richtigen Leute.
- Entschuldigungen. „Sorry, das ist jetzt vielleicht ein bisschen schwer" nimmt der Übung ihre Klarheit, bevor sie angefangen hat.
Weitere typische Stolperfallen — und wie du sie loswirst — findest du in den häufigsten Cueing-Fehlern und in Pilates Cueing Tipps: Warum deine Stimme alles verändert.
Cues, die schon zur Stunde passen
In jedem unserer Reformer-Stundenbilder stehen die passenden Cues direkt bei der Übung — formuliert mit äußerem Fokus, kurz genug für eine Ausatmung, mit Varianten für gemischte Level. Du kannst sie eins zu eins benutzen oder als Vorlage für deine eigene Sammlung nehmen.
Ein komplettes Stundenbild gibt es gratis.
Häufige Fragen
Was ist Cueing im Pilates?
Cueing ist alles, womit du eine Bewegung anleitest: Worte, Bilder, Demonstration und Berührung. Ein Cue ist dabei kein Kommentar zur Übung, sondern ein einzelner, klarer Auftrag, den dein Gegenüber sofort umsetzen kann. Gutes Cueing ersetzt Erklärungen durch Handlungsanweisungen.
Was ist der Unterschied zwischen internem und externem Cueing?
Interne Cues richten die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper („spann den Bauch an"), externe Cues auf ein Ziel außerhalb davon („schieb den Wagen weg, ohne dass er ruckelt"). Die Bewegungsforschung zeigt seit Jahren, dass externer Fokus in den meisten Fällen zu flüssigerer und ökonomischerer Bewegung führt. Für Wahrnehmungsarbeit und Atmung bleiben interne Cues trotzdem sinnvoll.
Wie lerne ich als neue Trainerin gutes Cueing?
Nicht durch Auswendiglernen, sondern durch Sammeln und Testen. Notiere pro Woche fünf Cues, die du irgendwo gehört hast, formuliere sie in deine eigene Sprache um, probiere sie in echten Stunden aus und behalte nur die, bei denen sich sichtbar etwas verändert hat. Nach etwa drei Monaten hast du eine Sammlung, die wirklich dir gehört.
Wie viele Cues gebe ich pro Übung?
Einen zum Start, maximal zwei während der Übung. Mehr kann niemand gleichzeitig umsetzen — bei drei Anweisungen hintereinander hört deine Gruppe auf zuzuhören und macht einfach weiter. Lieber ein Cue, dann fünf Sekunden Stille, in denen die Leute ihn tatsächlich anwenden können.



